Keine aktuellen Aufnahmen

Bilder von Protest in der Ukraine sind mehrheitlich älter

3.4.2025, 12:48 (CEST)

Ein Clip von angeblich aktuellen Demonstrationen in der Ukraine kursiert im Netz. Eine Recherche zeigt: Viele der Videos und Bilder sind bereits über zehn Jahre alt.

Drei Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine im Februar 2022 verbreitet sich in den sozialen Netzwerken ein Video über angebliche Demonstrationen in der Ukraine. «Massen Proteste in der Ukraine» (Schreibweise im Original), heißt es in dem Zusammenschnitt von Fotos und Videos, der angeblich zeigt, wie Menschen in Kiew, Lwiw und Odessa aktuell gegen die ukrainische Regierung demonstrieren. In dem Video wird außerdem behauptet, dass viele der vermeintlichen Demonstranten den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj einen «nicht legitimen Staatschef» nennen.

Bewertung

Die Mehrheit der Aufnahmen aus dem Video sind mehr als zehn Jahre alt. Viele entstanden während der Maidan-Proteste 2013 und 2014. Zwei Aufnahmen sind aus 2023. Aktuelle Massenproteste gegen Selenskyj sind nicht bekannt.

Fakten

In dem Zusammenschnitt werden erst drei kurze Videos gezeigt, dann zehn Fotos. Die meisten Aufnahmen sind nachweislich nicht aktuell, sondern wurden bereits in den Jahren 2013 und 2014 während der Euromaidan-Protestbewegung aufgenommen. Zwei Fotos stammen von einem Protest im Jahr 2023, nach Beginn des Angriffskrieges.

  • Minute 0:18 - Das Foto, das Demonstranten mit verschiedenen Ukraine-Flaggen vor einer Bühne zeigt, stammt von einem am 13. Dezember 2013 veröffentlichten Bericht der Deutschen Welle über eine Demonstration in Kiew von Unterstützern des damaligen ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch.
  • Minute 0:23 - Das Foto, auf dem man eine Menschenmenge mit verschieden Flaggen vor einer Brücke sieht, wurde bereits am 15. Februar 2014 in einem Artikel der deutschen Zeitung «Neue Westfälische» veröffentlicht.
  • Minute 0:33 - Das Foto zeigt eine Menschenmenge auf dem Unabhängigkeitsplatz (Maidan) in Kiew, das weiße Gebäude im Hintergrund ist die nationale Tschaikowski-Musikakademie der Ukraine. Ein Fotograf der Nachrichtenagentur Reuters nahm das Bild im Juni 2014 auf, wie aus mehreren Berichten hervorgeht.
  • Minute 0:38 - Das Foto, auf dem ein Mann mit einer kleinen Flagge zu sehen ist, die zur Hälfte eine ukrainische Flagge und zur Hälfte eine EU-Flagge zeigt, findet sich in einem Bericht über die Maidan-Proteste, der am 21. Februar 2014 von «Sueddeutsche.de» veröffentlicht wurde.
  • Minute 0:43 - Das Foto, das Menschen im Vordergrund verschwommen sind und im Hintergrund einige Autos zeigt, wurde von Reuters aufgenommen. Es findet sich in einem am 4. Dezember 2013 veröffentlichten Bericht von «Zeit.de» über die Maidan-Proteste.
  • Minute 0:48 - Das Foto aus der Vogelperspektive, auf dem man das Unabhängigkeitsdenkmal der Ukraine sieht, wurde ebenfalls von Reuters aufgenommen. Es findet sich in einem am 9. Dezember 2013 veröffentlichten Bericht des Senders ABC über die Maidan-Proteste.
  • Minuten 0:53 und 0:58 - Die zwei Fotos stammen von einem Protest nach Beginn des Angriffskrieges: Sie zeigen eine Demonstration im Dezember 2023, bei der vor allem Ehefrauen ukrainischer Soldaten eine Demobilisierung forderten. Die Fotos wurden am 6. Dezember 2023 in einem Artikel der «Tagesschau» veröffentlicht.
  • Die übrigen Fotos und Videos ließen sich nicht eindeutig zeitlich und örtlich zuordnen.

Momentan gibt es keine Berichterstattung über größere Proteste gegen die ukrainische Regierung. Eine entsprechende Google-Suche findet nur Unterstützungsdemonstrationen für die Ukraine in anderen Ländern.

Vertrauen in Präsident Selenskyj

Tatsächlich hätten im März 2024 in der Ukraine Präsidentschaftswahlen stattfinden sollen. Die erste Amtszeit Selenskyjs wäre mit 20. Mai 2024 abgelaufen. Jedoch werden Wahlen in der Ukraine momentan nicht abgehalten, denn das Kriegsrecht setzt die regulären Parlaments- und Präsidentschaftswahlen aus. Außerdem laufen die Vollmachten des amtierenden Staatsoberhauptes weiter. Somit ist Selenskyj weiterhin der legitime Präsident der Ukraine.

Das Kyiv International Institute of Sociology erhebt seit Amtsbeginn des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Jahr 2019 Daten dazu, wie viel Vertrauen die ukrainische Bevölkerung in ihn hat. Aus der jüngsten Veröffentlichung des Instituts geht hervor, dass Selenskyj zu Beginn des Angriffskrieges ein hohes Vertrauen der ukrainischen Bevölkerung genoss. Während der vergangenen Jahre war das Vertrauen in ihn gesunken, auf einen Tiefstwert von 52 Prozent im Dezember 2024. Die jüngste Befragung fand zwischen dem 14. Februar und 4. März 2025 statt. Das Vertrauen in Selenskyj stieg demnach wieder auf 67 Prozent.

Was war der «Euromaidan»?

Die Maidan-Proteste im Winter 2013/2014 in der Ukraine bildeten einen ersten Höhepunkt der bis heute andauernden Konfrontation mit Russland. Auslöser für die Protestbewegung war die Entscheidung des damaligen ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch, das fertig verhandelte Assoziierungsabkommen mit der EU nicht zu unterzeichnen.

Der Protest dagegen erhielt kurz nach Beginn die Bezeichnung «Euromaidan» wegen der Forderung, das Abkommen zu unterschreiben und wegen der proeuropäischen Haltung vieler Demonstranten.

Im Zentrum von Kiew existierte für gut drei Monate ein Dauerprotestlager auf dem Unabhängigkeitsplatz (Maidan Nesaleschnosti). Dort versammelten sich bis zu 800.000 Menschen.

Bei der Niederschlagung der Proteste durch die damals russlandfreundliche Regierung starben mehr als 100 Menschen. Danach verließ Janukowitsch erst Kiew und wenig später die Ukraine ins russische Exil.

Der Sturz von Janukowitsch diente Russland als Vorwand, um im März 2014 die ukrainische Schwarzmeer-Halbinsel Krim zu annektieren. In der Ostukraine sagten sich von Moskau unterstützte Separatisten von der Regierung in Kiew los. Der jahrelang andauernde bewaffnete Konflikt in den Gebieten Luhansk und Donezk wurde wiederum von Wladimir Putin als eine Rechtfertigung für die am 24. Februar 2022 begonnene Invasion der Ukraine benutzt.

(Stand: 02.04.2025)

Links

Facebook-Post (archiviert) (Video archiviert)

Foto Sekunde 18: Bericht der Deutschen Welle (archiviert)

Foto Sekunde 23: Bericht der «Neuen Westfälischen» (archiviert)

Foto Sekunde 33: Bild der Tschaikowski-Musikakademie der Ukraine (archiviert) sowie Bericht der «Japan Times» (archiviert) und des Russian Council (archiviert)

Foto Sekunde 38: Bericht der «Süddeutschen» (archiviert)

Foto Sekunde 43: Artikel von «Zeit.de» vom 04.12.2013 (archiviert)

Foto Sekunde 48: ABC-Artikel vom 09.12.2013 (archiviert)

Fotos Sekunde 53 und 58: Tagesschau-Artikel (archiviert)

Google-Suche (archiviert und archiviert)

DW-Artikel (archiviert)

Kyiv International Institute of Sociology (archiviert)

Fact-Sheet Ukraine des Bundesministeriums Landesverteidigung (archiviert)

Artikel der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung (archiviert)

Artikel «Die Presse» (archiviert)

Artikel «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (archiviert)

RND über Putins Rechtfertigung der Invasion (archiviert)

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